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Brücken bauen und Chancen geben: Stefan Forster ist der erste Zukunftscoach im Landkreis Roth - Potenziale für den Arbeitsmarkt ausschöpfen


Hilpoltstein (HK) Wenn die EU die Finger im Spiel hat, klingen Dinge oft anders, als sie gemeint sind. Wie der Zukunftscoach, der kein Übervater für die Zukunft des Landkreises Roth ist, sondern jemand, der Brücken zwischen der älter werdenden Gesellschaft und dem Arbeitsmarkt bauen soll.

Da sind zunächst einmal die Zahlen, die eine gewaltige Änderung der Gesellschaft prophezeien: Bis 2030 leben im Landkreis Roth 6000 Menschen weniger als heute, dafür schwillt der Anteil der über 65-Jährigen an, rund 10000 mehr als heute werden es sein. Es gibt erheblich weniger Kinder und Jugendliche (minus 4000) und das Durchschnittsalter der Landkreisbürger klettert von 43 auf 48 Jahre. Für den Arbeitsmarkt bedeutet das: Die Menschen müssen länger arbeiten, kein Jugendlicher darf als Arbeitskraft verloren gehen und die stillen Reserven müssen mobilisiert werden.

Und hier kommt Stefan Forster, der Zukunftscoach des Landkreises Roth ins Spiel. „Ich muss für die Region passgenaue Maßnahmen für bestimmt Gruppen finden, um dem demographischen Wandel entgegenzuwirken“, sagt er. Beispielsweise wenn er versucht, für den klassischen Mangelberuf Altenpflege Nachwuchs zu gewinnen. „Wir bringen die Partner zusammen.“

Konkret hat sich Forster dazu Mittelschüler aus Spalt geschnappt und sie ins nahe gelegene Altenheim gebracht. „Sie sollten ein Aha-Erlebnis haben.“ Sie sollten erfahren, was in einem Altenheim passiert, welche Berufsmöglichkeiten es dort gibt und welche Hilfsmittel wie Lifte und Aufstehhilfen den Altenpfleger unterstützen. Und sie wurden dafür sensibilisiert, wie schwer alten Menschen an sich leichte Tätigkeiten fallen. Mit dem Alterssimulationsanzug „Gert“ mussten die Schüler Joghurt essen, Treppen steigen, Rollator fahren oder einfach nur Wasser trinken. Die Kontaktaufnahme fruchtete. „Es haben sich Schüler für ein Praktikum gemeldet und sind auch gekommen“, sagt Forster. Wenn nur ein paar hängenbleiben, sei das gut.

Zukunftscoaches gibt es in der Metropolregion Nürnberg geballt, in den restlichen Landkreisen nur ganz vereinzelt. Es ist sozusagen ein Spezialprojekt der „familienfreundlichste Wirtschaftsregion Deutschlands“ – unterstützt vom Europäischen Sozialfonds ESF und vom bayerischen Sozialministerium. Los ging es Mitte 2012, die erste Periode endet Mitte kommenden Jahres.

Stille Reserven sieht Stefan Forster vor allem bei Frauen, die nach der Kindererziehung oder nachdem sie einen Angehörigen über Jahre gepflegt haben, zurück in den Beruf wollen. Meist Frauen, die neben Lebenserfahrung auch eine gute Berufsausbildung mitbringen und „nun einen Impuls brauchen“, so Forster. Dazu müssten dann Fragen abgeklärt werden wie „Kann ich das?“ und „Will ich das auch?“.

Umdiese zu beantwortenund Rüstzeug für den Wiedereinstieg zu bekommen, hatte Forster zusammen mit der VHS ein vierteljähriges Seminar „Neuer Start für Frauen“ initiiert und beim Infotag für Job und Familie dafür geworben. 16 haben sich angemeldet, 15 haben den Kurs von Februar bis Mai voll durchgezogen. Wer zurück in denBeruf gefunden hat, weiß Forster noch nicht. „Wir wollten etwas Zeit lassen und erst Ende des Jahres wieder Kontakt aufnehmen.“ Aber auch jetzt könne man schon sagen, jede Teilnehmerin habe etwas mitgenommen. „Das ist der erste Erfolg.“ Inhalte des Seminars waren beispielsweise Zeitmanagement, Bewerbungen, Analyse und Erwerb von Schlüsselkompetenzen, Kommunikation und Körpersprache sowie EDV-Kenntnisse. Hilfe bei der Praktikumssuche und die Zusammenarbeit mit Partnern am Arbeitsmarkt, gehörten auch zumAngebot. 2015 ist wieder ein Seminar geplant.

Seit Oktober 2012 ist Stefan Forster der Rother Zukunftscoach. Zuvor arbeitete der gebürtige Oberfranke aus der Fränkischen Schweiz drei Jahre im Planungsbüro des Professors der Uni Bayreuth, bei dem er auch studiert hat. Thematisch ist er bei seinem Studium der Wirtschaftsgeographie beim demographischen Wandel hängegeblieben. Deshalb hatte ihn die Stellenanzeige des Landkreises Roth für einen Zukunftscoach auch gleich angesprochen.

Durchs Raster zu fallen, ist eine Gefahr, die für Jugendliche, die vom Förderzentrum (SFZ) abgehen, besonders groß ist. Forsters Aufgabe ist nun, die Betriebe mit diesen Jugendlichen zusammenzubringen. Die einen sollen die Potenziale von Schülern mit Förderbedarf erkennen und die anderen Betriebsluft schnuppern. „Wir haben gefragt, was die Schüler interessiert“, sagt Forster. Und dann Kleinbusse gechartert und insgesamt sieben Firmen besucht: „SFZ on Tour.“ Dabei ging es um Jobs wie Beikoch, Altenpflegehelfer, Anlagenführer oder auch Reinigungskraft. Die Schüler seien begeistert gewesen und auch die Unternehmen hätten gerne mitgemacht. „Die Übertrittsquote ins Berufsleben muss einfach höher werden“, resümiert Forster. Den Erfolg seiner Bemühungen genau zu messen, fällt oft schwer, zumal er „nicht alle Fäden in der Hand“ hält. Aber er sei zufrieden, wenn es dem einen oder anderen eine Chance eröffne, sagt Stefan Forster. „Und wenn von dem, was passiert ist, sich einiges verstetigt.“ Aber auch Neues ist in Planung. So die Zusammenarbeit mit einem P-Seminar. Da geht es dann vornehmlich darum, künftige Akademiker an den Landkreis zu binden. Quasi nach dem Motto: Studieren müsst ihr woanders, aber den passenden Beruf danach, die Chance auf dieKarriere, das gibt es auch im Landkreis Roth.

 

Quelle: DK Nr. 189, Dienstag, 19. August 2014, S. 19

Autor: Rainer Messingschlager



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