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1. Turmschreiben auf Burg Abenberg

Adresse:
Burg Abenberg

Kommunikation:
Telefon: 09171 81-329

Beschreibung:

Titel Turmschreiberbuch1. Abenberger Turmschreiben vom 12.09. - 10.10. 2004 

Zum ersten Mal veranstaltete der Landkreis Roth im jahr 2004 zusammen mit dem Förderkreis Burg Abenberg auf der Burg Abenberg ein „Turmschreiben“. Der weit über die Region hinaus bekannte Schriftsteller und Funkautor des Bayer. Rundfunks, Dr. Reinhard Knodt, wohnte und arbeitete literarisch einen Monat lang auf der Burg Abenberg im Ostturm des Heimatvereins, war bei öffentlichen Veranstaltungen präsent und hielt Lesungen bei Literaturkreisen und in Schulen.

Dr. Reinhard Knodt  stammt aus Dinkelsbühl. Nach seinem Studium der Philosophie, Politik und Literatur war er zunächst Gastdozent am Priester-Collège Maynooth, dann acht Jahre lang Assistenzprofessor  für Philosophie an der Universität Erlangen-Nürnberg. 1992 wurde er Hausautor des Bayerischen Rundfunks, nahm zugleich Lehraufträge an den Kunstakademien Nürnberg, Berlin und Kassel wahr, und arbeitete mit bildenden Künstlern zusammen.

Er initiierte in der Region mit Freunden eine Reihe von Kulturprojekten, etwa die „Nürnberger Blätter“, die „Nürnberger Autorengespräche“ und die „Nürnberger Mittagslesungen“, die bis zum heutigen Tag abgehalten werden. Heute lebt Knodt als freier Schriftsteller in Berlin. An seinem einstigen Wohnort in Röthenbach a.d. Pegnitz lädt er vier mal im Jahr zu Salons in den „Schnackenhof“ (www.Schnackenhof.Roethenbach.de) Daneben hält er Vorträge, schreibt Rundfunksendungen und Bücher, in denen vor allem die kleinen Dinge des Alltags besondere Beachtung finden. Dr. Reinhard Knodt hielt 1997, 2000 und 20012 die Laudationes für die Landkreis-Literaturpreisträger/innen.

Preise: Wolfram v.Eschenbach-Kulturförderpreis, Literaturpreis der Kulturstiftung der Industrie- und Handelkammer Mittelfranken. Journalistenpreis Jugend forscht des bay. Kultusministers; Literaturpreis der bayerischen Akademie der schönen Künste. Kontakt: www.Reinhard-Knodt.de

Textprobe aus „Brief an den Turmschreiber“, (Abenberg 2008)

Die Wahrheit über Abenberg

Die Wahrheit über Abenberg, lieber Freund, habe ich lange gesucht. Ich suchte sie auf Spaziergängen, im Kloster und in der Burg. Ich stapfte in den Wiesen umher und wäre auf dem Weg zu den Schwestern von der Schmerzhaften Mutter beinahe ins Wasser gefallen. Ich versuchte mich sogar im Golfspielen, was natürlich völlig sinnlos war. Ja, was ist die Wahrheit Abenbergs? Erkennt man sie eher morgens, wenn der Holzrauch vermischt mit Nebel in der Luft steht oder die Sonne durch den Septembertag bricht? Oder erkennt man sie nachts zwischen den Sternen, zu denen die Türme blicken? Vielleicht ist die Wahrheit auf das Fahnentuch geschrieben, das im Scheinwerferlicht vom höchsten Turm der Burg wie eine ewige Flamme in den Himmel weht?

Manchmal, wenn man durch die Gassen geht, hat man das Gefühl, die Wärme des Tages hätte sich in den Mauern gefangen und würde uns noch abends umfächeln, auf dem Weg zur Burg hinauf und vorbei am Haus des Fortschrittsverweigerers, der in seinem Garten die absonderlichsten Gerätschaften sammelt und seinen Walnussbaum pflegt, vielleicht den letzten des Ortes? Vielleicht enthält auch die Höllgasse die Wahrheit. Ich habe einen alten Mann dort frühstücken sehen, durchs Fenster. - Er war sehr alt und er aß sehr vorsichtig und freute sich am Blick in die Weite und dem Garten und den Apfelbäumen und Astern. Auch den leeren Häusern Abenbergs habe ich nachgespürt. Aber auch da fand ich die Wahrheit nicht. Es ist nämlich nicht so, dass Abenberg eine verlassene Stadt ist, eher ist sie schon verhältnismäßig gut besucht, die Touristen und Kongressmenschen kommen, der Fahrradweg des Brombachsees streift die Gegend und viele Paare heiraten hier zwischen Limes und Burgmauer, ja, sie stellen sich gar an, manche Freitage, im Burghof -  als ob das Heiraten die wichtigste Sache der Welt wäre.

Ich dachte zuletzt, dass die Wahrheit eher in der Landschaft sei, "die Obstbäume", sagte ich mir, "die alte Stadtmauer, die Leere zwischen den Häusern, oder die spielenden Kinder auf der Burg!" -, erst vor ein paar Tagen tollten zehn oder fünfzehn in Rittergewändern im alten Burghof umher. Auch dass ich selber mich wie in den Armen einer Mutter hier fühlte und umsorgt war, nicht nur von Stilla, sondern von verschiedenen weiblichen und männlichen Wesen auf der Burg. Ich empfehle Dir, diese Beziehungen zu pflegen. Dichter sind diesen Menschen hier zum Glück fast heilig, zumindest tun sie so, obwohl wir wissen, dass wir diese Achtung angesichts unseres eigenartigen Lebenswandels nur selten verdienen. Abenberg ist ansonsten auch eine sehr sehnsüchtige Stadt, deren Menschen häufig eine eigenartig tiefe Liebe zu den Gebäuden, Gegenden und wie schon erwähnt, unter italienischen Liedern gepflasterten Straßen empfinden. Ja diese Straßen sind wie ein großes, flachliegendes Gebäude, ein horizontaler Dom fast und jedenfalls das schönste Gebäude der Stadt.

Die Wahrheit über Abenberg also! Nun, dass eine Stadt eine Art Frau ist, steht bei uns Poeten ja schon sehr lange fest, so wie wir uns ja sowieso gern bei Frauen bergen. Aber was für eine Frau ist Abenberg? Eine Nonne, eine Heilige, eine helfende Mutter, eine Bogenschützin, wie ich sie auf einer Werbekarte für den hiesigen Schützenverein sah? Abenberg gibt sogar geistig Behinderten Fürsorge und ich selber schlafe in einem Haus, das über achtzig Jahre Obdach für Mittellose bot.

Sagen wir also Abenberg ist tatsächlich eine Frau. Ihre Arme sind die Stadtmauern, ihr Kopf ist die Burg, ihre Füße stehen unter der Erde auf den Keuperschichten, ihre Haare wehen in den Büschen, ihre Kochkunst ist sehr verlässlich. Sie ist eine kleine Schöne liebende Freundin, deren Schwächen man gern übersieht und deren Stärken vom Sonnenaufgang bis zum Untergang reichen - Ansonsten hat sie viele Kinder. Gerade heute ziehen sie umher, weil Schulwandertag ist. Ein Junge trägt eine ganze Tabakpflanze, samt Wurzel und schaut an ihr hinauf. Strahlend lässt er ihre großen Blätter wippen. Sie ist - doch sie ist schön! Die Pflastersteine ihrer Gassen funkeln wie Sterne, und ihre Fahnen wehen nachts im Licht, so dass wir uns fast fühlen wie auf einem niemals endenden Fest ...

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