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1. Turmschreiber auf Burg Abenberg

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Abenberg

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1. Abenberger Turmschreiben
vom 12.09. - 10.10.2004

Zum ersten Mal veranstaltete der Landkreis Roth zusammen mit dem Förderkreis Burg Abenberg auf der Burg Burg AbenbergAbenberg ein „Turmschreiben“. Der weit über die Region hinaus bekannte Schriftsteller und Funkautor des Bayer. Rundfunks, Dr. Reinhard Knodt, wohnte und arbeitete literarisch einen Monat lang auf der Burg Abenberg im Ostturm des Heimatvereins, war bei öffentlichen Veranstaltungen präsent und hielt Lesungen bei Literaturkreisen und in Schulen.

Dr. Reinhard Knodt wohnt in Röthenbach/Pegnitz. Nach seinem Studium der Philosophie, Politik und Literatur war er Gastdozent am Priester-Collège Maynooth, hatte verschiedene Dozenturen, unter anderem an der Universität Bayreuth, den Kunstakademien Nürnberg, Berlin, Bamberg und Kassel, war Herausgeber verschiedener Literaturblätter und Publikationen, Begründer der Nürnberger Autorengespräche. Daneben hält Knodt poetische Vorträge, wirkt bei Rundfunksendungen mit und schreibt Lieder und Texte für Musikaufführungen. Dr. Reinhard Knodt hielt 1997, 2000 und 2003 die Laudationes für die Landkreis-Literaturpreisträger/in.

Preise, Förderungen: DAAD Stipendium USA, versch. Auslandsstipendien des auswärtigen Amtes Bonn, Wolfr.v.Eschenbach-Kulturförderpreis, Literaturpreis der IHK.

Textprobe:

Die Wahrheit über Abenberg

Die Wahrheit über Abenberg, lieber Freund, habe ich lange gesucht. Ich suchte sie in Spaziergängen, im Kloster und in der Burg. Ich stapfte in den Wiesen umher und ich wäre auf dem Weg zu den Schwestern von der Schmerzhaften Mutter beinahe ins Wasser gefallen. Ich versuchte mich sogar im Golfspielen, was natürlich völlig sinnlos war. Ja, was ist die Wahrheit Abenbergs? Erkennt man sie eher morgens, wenn der Holzrauch, vermischt mit Nebel in der Luft steht oder die Sonne durch den Septembertag bricht? Oder erkennt man sie nachts zwischen den Sternen, zu denen die Türme blicken? Vielleicht ist die Wahrheit auf das Fahnentuch geschrieben, das im Scheinwerferlicht vom höchsten Turm der Burg wie eine ewige Flamme in den Himmel weht?

Manchmal, wenn man durch die Gassen geht, hat man das Gefühl, die Wärme des Tages hätte sich in den Burgmauern gefangen und würde uns noch abends umfächeln, auf dem Weg hinauf und vorbei an dem Haus des Fortschrittsverweigerers, der in seinem Garten die absonderlichsten Gerätschaften sammelt und einen Walnussbaum pflegt, vielleicht den letzten des Ortes? Vielleicht enthält auch die Höllgasse die Wahrheit. Ich habe einen alten Mann dort frühstücken sehen, durchs Fenster. - Er war sehr alt und er aß sehr vorsichtig und freute sich am Blick in die Weite und dem Garten und den Apfelbäumen und Astern. Auch den leeren Häusern Abenbergs habe ich nachgespürt. Aber auch da fand ich die Wahrheit nicht. Es ist nämlich nicht so, dass Abenberg eine verlassene Stadt ist, eher ist sie schon verhältnismäßig gut besucht, die Touristen und Kongressmenschen kommen, der Fahrradweg des Brombachsees streift die Gegend und viele Paare heiraten hier zwischen Limes und Burgmauer; ja, sie stellen sich gar an, manche Freitage, im Burghof, als ob das Heiraten die wichtigste Sache der Welt wäre.

Ich dachte dann, dass die Wahrheit eher in der Landschaft sei, "die Obstbäume", sagte ich mir, "die alte Stadtmauer, die Leere zwischen den Häusern, oder die spielenden Kinder auf der Burg!" -, erst vor ein paar Tagen tollten zehn oder fünfzehn in Rittergewändern im alten Burghof umher. Auch dass ich selber mich wie in den Armen einer Mutter hier fühlte und umsorgt, nicht nur von Stilla, sondern von verschiedenen weiblichen und männlichen Wesen auf der Burg. Ich empfehle Dir, diese Beziehungen zu pflegen. Dichter sind diesen Menschen hier zum Glück fast heilig, zumindest tun sie so, obwohl wir wissen, dass wir diese Achtung angesichts unseres eigenartigen Lebenswandels nie verdienen. Abenberg ist ansonsten auch eine sehr sehnsüchtige Stadt, deren Menschen häufig eine eigenartig tiefe Liebe zu den Gebäuden, Gegenden und wie schon erwähnt, unter italienischen Liedern gepflasterten Straßen empfinden, ja diese Straßen sind wie ein großes, flachliegendes Gebäude, ein horizontaler Dom fast und jedenfalls das schönste Gebäude der Stadt.

Die Wahrheit über Abenberg also: Nun, dass eine Stadt eine Art Frau ist, steht bei uns Poeten ja schon sehr lange fest, so wie wir uns ja sowieso immer gern bei Frauen bergen. Aber was für eine Frau ist Abenberg? Eine Nonne, eine Heilige, eine helfende Mutter, eine Bogenschützin, wie ich sie auf einer Werbekarte für den hiesigen Schützenverein sah? Abenberg gibt sogar geistig Behinderten Fürsorge und ich selber schlafe in einem Haus, das über achzig Jahre Obdach für Mittellose bot.

Beugen wir uns also und sagen: Abenberg ist tatsächlich eine Frau. Ihre Arme sind die Stadtmauern, ihr Kopf ist die Burg, ihre Füße stehen unter der Erde auf den Keuperschichten, ihre Haare wehen in den Büschen, ihre Kochkunst ist sehr verlässlich. Sie ist eine kleine Schöne liebende Freundin, deren Schwächen man gern  übersieht und deren Stärken vom Sonnenaufgang bis zum Untergang reichen - Ansonsten hat sie viele Kinder. Gerade heute ziehen sie umher, weil Schulwandertag ist. Ein Junge trägt eine ganze Tabakpflanze, samt Wurzel und schaut an ihr hinauf. Strahlend lässt er ihre großen Blätter wippen. Sie ist - doch sie ist schön! Die Pflastersteine ihrer Gassen funkeln wie Sterne, und ihre Fahnen wehen nachts im Licht, so dass wir uns fast fühlen wie auf einem niemals ganz endenden Fest ...

 

Bildquelle: Robert Gerner




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generiert am 23.05.2012 01:27:53 ­