Infofahrt der Landkreis-Heimatkundler
Heimatkundler erkunden in Theuern und Amberg spannende Industrieentwicklung
Stand: 16.09.2026
Von den „Hammerherren“ über Spiegelglas zum Kaolin
Die jährliche Informationsfahrt für die Heimatkundler im Landkreis Roth hat eine lange Tradition und ist für die vielen ehrenamtlichen „guten Geister“ in der regionalen und örtlichen Geschichtsforschung ein Dank für ihren Einsatz. Ziele der Tagesfahrt sind oft unbekannte historische Besonderheiten benachbarter Regionen und besondere Orte. Diesmal hatten Sabrina Beck und Jörg Ruckriegel aus dem Sachgebiet Kultur und Tourismus eine direkte Nachbarregion mit spannender Handwerks- und Industriegeschichte ausgesucht: Fahrtziele waren das Bergbau- und Industriemuseum in Theuern, das nahe Amberg und ein Abstecher zu früheren wie moderner Industriezentren im Landkreis Amberg-Sulzbach.
Zur Freude der Organisatoren war der Bus auch diesmal mit knapp 50 ehrenamtlich Aktiven aus allen Landkreisgemeinden, die mit ihrem Einsatz für die Heimatgeschichte in Museen und historischen Vereinen das Kulturleben im Landkreis entscheidend mitgestalten, voll besetzt. Bei der kurzen Vorstellung der Tagesziele galt ihnen der besondere Dank von Jörg Ruckriegel als Sachgebietsleiter und die jährliche Fahrt ist ein symbolischer Dank des Landkreises für diesen Einsatz. Erstes Ziel der Gruppe war das Bergbau- und Industriemuseum in Theuern.
Hier wartete Cornelia Platz als Gästeführerin für den ganzen Tag mit großem Hintergrundwissen zur spannenden Handwerks- und Industriegeschichte im Landkreis Amberg-Sulzbach ab dem Mittelalter auf die Gruppe - und im Außenbereich des Museums die Führung in einem Hammerwerk und einer Spiegelglasschleife. Beide Handwerke prägten neben dem Bergbau früher die Region. Die längste Geschichte haben die Hammerwerke, die vor Ort das abgebaute Eisenerz zu nutzbarem und als Handelsware weiter verkaufbarem Eisen verarbeiteten. Seit 1387 kontrollierte eine „Hammereinung“ der regionalen Hammerherren als „Eisenkartell“ Produktion und Handel.
Um 1700 begann der Erfolg der Glasschleif- und Glaspolierwerke
Nach dem 30jährigen Krieg endete die Hochblüte der Hammerwerke: Viele gaben auf oder wurden zu reinen Schmiedebetrieben, dafür etablierten sich bis um 1700 als dominante Nachfolgeindustrie in der Region die Glasschleif- und Glaspolierwerke. Die Oberpfalz war über alte Handelswege mit den Glasmacherregionen im Bayerischen Wald und in Böhmen verbunden und Glas war im Barock ein wichtiges Bau- und Dekorationselement. Im 19. Jahrhundert verloren jedoch beide Handwerke ihre Bedeutung und die Industrialisierung hielt in der Region mit dem Eisenbahnbau und dem Bau der „Maxhütte“ bei Sulzbach-Rosenberg Einzug.
Aus dem im Museum eingerichteten Hammerwerk wurde eine Spenglerei und die Glasschleife wurde den technischen Neuerungen für neue Aufgaben angepasst. Im Gegensatz zu Freilichtmuseen, auch das erfuhren die Heimatkundler, wurden im Freigelände in Theuern alle Gebäude als 1:1-Kopie des Originalhauses nachgebaut und in diesen „Kopien“ die alten Werkstätten und Arbeitsräume mit allen ins Museum übernommenen Maschinen, Werkzeugen und Antriebstechniken wie beim Original eingerichtet. Die Originalgebäude verblieben am alten Standort und konnten, wenn sie erhalten blieben, in neuen Funktionen weitergenutzt werden.
Empfang beim Landrat im Amberger Stadtschloß
Amberg war die nächste Station der Exkursion, hier lernten die Rother Heimatkundler die frühere „Machtzentrale“ der Pfalz sprichwörtlich durch die „Stadtbrille“ kennen: Die Vils fließt als ehemaliger Wassertransportweg für die Produkte der vielen Eisenhämmer direkt durch die Stadt und war mit „Plätten“ schiffbar. Vor der Mittagspause in einem Brauereigasthof stand ein Besuch im ehemaligen „Stadtschloß“ an, das nach 1500 als Symbol der Landesherrschaft der pfälzischen Wittelsbacher-Linie erbaut, deren regionale „Machtzentrale“ war. Auch heute wird hier verwaltet und entschieden, denn das Stadtschloß ist inzwischen Amtssitz des Landkreises Amberg-Sulzbach.
Als gelungene Überraschung für die Gruppe begrüßte hier Landrat Richard Reisinger persönlich die Gäste aus Franken in „seinem“ Landkreis. Er öffnete sogar sonst nicht öffentliche Räume bei seinem Büro wie den „Amtsbalkon“ im früheren Stadtgraben und eine barocke Hauskapelle. Neben einer langen Freundschaft mit Alt-Landrat Herbert Eckstein verbindet ihn immer noch viel mit dem Landkreis Roth wie etwa persönliche Kontakte, wie er betonte. Als weitere Überraschung durfte die Gruppe für den weiteren Rundgang einen „amtsinternen Dienstweg“ über die Vils nutzen, den historischen Wehrgang über der „Stadtbrille“.
Ambergs „versteckte Schätze“: Gotische Hallenkirche und Renaissance-Hofkanzlei
Beim zweiten Teil der Stadtführung war die Stadtpfarrkirche St.Martin als spätgotische Hallenkirche und Zeichen für das Selbstbewußtsein der bürgerlichen Stadt Amberg ebenso ein Thema wie die neue Hofkanzlei im Renaissancestil von Pfalzgraf Friedrich „mit dem leeren Beutel“. Eng verbunden mit beidem war zudem die Religionsgeschichte der Stadt: Zu Beginn der Reformation wurde Amberg evangelisch mit calvinistischer Prägung und nach der Niederlage von „Winterkönig“ Friedrich aus der Pfalzgrafenlinie der Wittelsbacher 1621 wie fast die ganze Oberpfalz rekatholisiert. Auch im weiteren Programm der Tagesfahrt blieben die Wittelsbacher ein wichtiger Aspekt.
Die Fahrt auf historischen Handwerks- und Industriespuren führte die Gruppe zuerst nach Sulzbach-Rosenberg, dem „Hauptkonkurrenten“ Ambergs im Mittelalter. Sowohl Sulzbach wie auch Amberg entstanden archäologisch nachweisbar im 8.Jahrhundert, hatten aber verschiedene Entwicklungen. In Sulzbach residierte eine eigene „Nebenlinie“ der Wittelsbacher samt Stadtburg. Um 1850 wurde Sulzbach-Rosenberg zum „Inbegriff“ moderner Eisenverarbeitung mit der „Maxhütte“ und Amberg eher als Schul- und Garnisonsstadt bekannt. Der Abstecher zum „Monte Kaolino“ als modernem Abbaugebiet von Kaolin mit Abraumhalde bei Hirschau beschloß die informative wie spannende Fahrt auf den Spuren der Oberpfälzer Industriegeschichte für die Heimatfreunde aus dem Landkreis Roth bei idealem Reisewetter.
Das Foto zeigt die Heimatkundler des Landkreises beim Besuch im historischen Stadtschloß in Amberg - heute das Landratsamt des Landkreis Amberg-Sulzbach. Dort begrüßte Landrat Richard Reisinger die Heimatkundler persönlich und öffnete ihnen sogar seinen „Amtsbalkon“ und eine kleine barocke Hauskapelle aus Schloßzeiten. Bildquelle: Dr. Jörg Ruthrof
Von der Infofahrt der Heimatkundler im Landkreis Roth berichtet Dr. Jörg Ruthrof, 1. Vorsitzender des Heimatvereins Unteres Schwarzachtal e.V. Wendelstein.
Bildergalerie (Quelle: Dr. Jörg Ruthrof)
Bild oben links: Im Bergbau- und Industriemuseum in Theuern gehörte eine Führung zu einem Hammerwerk und einer Spiegelglasschleife - zwei Handwerksberufen mit großer Bedeutung und langer Tradition in der Oberpfalz - im Außengelände des Museums zum Programm der Tagesfahrt.
Bild oben rechts: Beim Rundgang in Amberg zu wichtigen historischen Gebäuden war das frühere Stadtschloß direkt an der Stadtmauer und neben der Vils als „Schutz“ eines der Besuchsziele. Heute ist dort das Landratsamt für den Landkreis Amberg-Sulzbach untergebracht.