Der Wert von Friede und Freiheit

Diana Binder las auf Einladung von „Demokratie leben!“ aus den Erinnerungen des heute 98-jährigen Rudolf Ziesler, der als Jugendlicher in den Krieg musste
Stand: 21.10.2026

Die Gänsehautmomente, irgendwann waren sie nicht mehr zu zählen. Zu berührend und bewegend waren die Einblicke und Erlebnisse, die Dr. Rudolf Ziesler in sein fast 100-jähriges Leben direkt und indirekt an diesem Abend gewährte. Direkt, weil einer der letzten Zeitzeugen des Hitler-Regimes bei einer Veranstaltung des Bündnisses Demokratie leben! in Abenberg persönlich anwesend sein konnte. Indirekt, weil Autorin Diana Binder besondere Passagen aus der von ihr geschriebenen Biografie vortrug. Was für eine Kombination, noch dazu versehen mit einem jugendlichen Anstrich.

Seit Beginn der Buchreise – „Ziehen, wenn der Funke springt“ ist im März erschienen – ist es allen Beteiligten nämlich ein Anliegen, junge Menschen in Lesungen mit einzubeziehen. In Abenberg ist das auf fulminante Weise gelungen. Vier Schüler machen nicht nur (unter dem Namen… Musik), sondern lesen auch Texte aus den letzten Kriegstagen vor. „Dann brannte der Himmel.“; „Die Angst war immer da, aber sie durfte dich nicht überwältigen.“ „Ich hatte den Krieg überstanden, jetzt musste ich nur noch überleben.“

Was das konkret bedeutete, schilderte Dr. Rudolf Ziesler teils selbst. Da wuchs Gras auf einer Fläche des Flüchtlingslagers, das niemand betreten durfte. Eines Tages, als der Hunger nicht mehr zu ertragen war, fasste sich der später dreifache Vater ein Herz und fragte einen Wächter, ob es erlaubt sei, ein paar Halme zu zupfen…Diana Binder ergänzt das um eine im Buch festgehaltene Erinnerung: Sechs Männer, die sich den Geschmack einer Rosine teilen. Genau, Gänsehaut.

Die ist auch sofort da, als Teresa Ratschker, eine seiner Enkelinnen, einen Blick in ihr Inneres erlaubt: „Das ist genial mit der Musik und den Zitaten“. Ratschker wohnt wie ihre Mama in Wendelstein und sieht die Erinnerungen ihres Großvaters mit anderen Augen, seit sie selbst Kinder hat. Mit 14 oder 16 Jahren – wie Rudolf Ziesler – in den Krieg ziehen zu müssen, Not, Grauen und Tod zu erleben, „unvorstellbar und unbegreiflich“. Die Mama übrigens ist Kreisrätin Cornelia Griesbeck. Womit zugleich erklärt ist, warum Lebenserinnerungen aus dem Bayerischen Wald in den Landkreis Roth kommen.

Weiteres Bindeglied an diesem so besonderen Abend ist das Bündnis Demokratie leben! im Landkreis, das die Veranstaltung der Reihe „Erinnern und Gedenken“ nach Abenberg geholt hat. Yannik Pleick sagt stellvertretend: „Wir müssen die Vergangenheit bewahren, um Verständnis für Gegenwart und Zukunft zu schaffen.“ Die Lebenserinnerungen von Rudolf Ziesler sind für ihn „ein wertvolles Zeugnis einer dunklen Epoche“, das deutlich mache, wie wertvoll Frieden und Freiheit sind.

Diana Binder verspricht „mehr als eine Lesung“ – und sie hält Wort. Nicht nur, weil sie Passagen mitsamt der zwischen ihnen liegenden Zeitsprünge („100 Jahre sind nicht erzählbar“) sehr gut ausgewählt hatte. Immer wieder springt Rudolf Ziesler auf Schlagworte an und - mit einer unfassbaren Energie und Fitness -  von seinem Stuhl auf, um zu erzählen oder das Gelesene mit einer Anekdote zu garnieren.

Die Reise an diesem Abend beginnt mit einer zwar harten, aber unbeschwerten Kindheit. Ein Leben nach der Natur, eine fleißige Familie, Freundschaften. 1939, so erinnert sich Rudolf Ziesler, damals (ungewöhnlicherweise) im zweiten Jahr auf dem Gymnasium, sind da auf einmal „dunkle Schatten in den Blicken der Mütter“. Fortan ist da zwei Mal in der Woche „Dienst“ in der Hitlerjugend. Mit 15 Jahren wird er gemustert, mit 16 muss er in Krieg – nach einer Ausbildung zum Flakhelfer in Nürnberg.

„Wir ham hochg´halten“, beschreibt der spätere Bankdirektor seinem dankbaren Publikum in Abenberg die ersten nächtlichen Angriffe auf Schweinfurt, in das er 1944 abkommandiert wurde. Da ist auch das erste Mal der Tod…

Rudolf Ziesler dürfte einer der wenigen Zeitzeugen sein, die als Jugendliche an die Front geschickt wurden – ein weiterer Aspekt, der Buch und Abend herausragend macht. Front bedeutet in seinem Fall Oberschlesien, und es bedeutet nach Kriegsende Gefangenschaft. Mitsamt erneut unvorstellbarem Leid. Zu wenig zu essen, kaum Wasser, viel zu viele Menschen im Lager. Als der Ränkamer endlich nach Hause kommt, darf er nur kleinste Portionen zu sich nehmen – alles andere hätte sein ausgemergelter Körper nicht überstanden.

Die Rückkehr ist ein guter Zeitpunkt für eine Pause, die viele nutzen, um mit Rudolf Ziesler ins Gespräch zu kommen oder sich über das Gehörte auszutauschen – Die Betroffenheit, aber auch die Dankbarkeit sind spürbar. Teil zwei des Abends wird dann dem gerecht, was Yannik Pleick als Mutmachbuch verpackt hatte. Rudolf Ziesler, schon immer „findig“ und ehrgeizig, holt sein Abitur nach, studiert Volkswirtschaft, promoviert, gründet eine Familie. Was ihm geholfen hat? Der Mut, Entscheidungen zu treffen, ein großer Wille und das Überlebensmotto, trotz aller Widrigkeiten das Beste aus jedem Tag zu machen.

Noch eine Besonderheit und ein Grund, warum das Buch so lesenswert ist. Es ist aus der Perspektive der jeweiligen Zeit und damit „ungefiltert“ erzählt, „Herr Ziesler hat diesbezüglich eine besondere Gabe“, benennt es Diana Binder. Bereits beim ersten Treffen, als es um ein Ausloten zum Buchprojekt ging, habe sie eine große Offenheit gespürt, betont sie. Vielleicht darf sie auch deshalb ein lang gehütetes Familiengeheimnis verraten.

Noch einmal kurz Gänsehaut. Unbeschreiblich der Moment, als der 98-Jährige „aus dem Nichts“ ein Lied anstimmt, das die amerikanischen Soldaten im elterlichen Wirtshaus sangen, das sie nach Kriegsende als Treffpunkt nutzten. „Don`t fence me in“.

Apropos Song(s): Der Abend im Stillasaal wäre nicht halb so bewegend und gut ohne die Nachwuchsband Down4Music aus Hilpoltstein gewesen. Lina, Anna, Leo und Max sind nicht nur musikalisch eine Wucht, sondern haben mit dem Verlesen der Zitate des 15-, 16-, 17-jährigen Rudolfs einen echten Marker gesetzt. Genau: Gänsehaut!

Gut zu wissen: Das Buch „Ziehen, wenn der Funke springt – Erinnerungen des Zeitzeugen Dr. Rudolf Ziesler“ von Diana Binder ist im Battenberg Verlag erschienen. Es hat knapp 160 Seiten, zu denen auch ein Vorwort der Autorin, von Tochter Cornelia Griesbeck sowie Nachworte von zwei Enkelkinder gehören. Es kostet 19.90 Euro. Diana Binder lebt im Falkenstein im Landkreis Cham. Sie arbeitet seit über 20 Jahren als Journalistin und Autorin.

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