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Veröffentlicht am 04.10.2006

Drei Jahrzehnte Schwangerenberatung an den Gesundheitsämtern


Ungewollt schwanger? - Das passiert nur unerfahrenen Teenagern. Dieses Vorurteil kennen Barbara Blinzler und Christiane Göckler. Und schütteln übereinstimmend den Kopf. Die „Durchschnittsfrau“, die bei den Mitarbeiterinnen der Schwangerenberatungsstelle Hilfe sucht, ist zwischen 25 und 35 Jahre alt, lebt in einer festen Partnerschaft und hat bereits eine Familie. Mehr als 1000 Frauen kommen alljährlich in die „Sprechstunde“ der Beraterinnen. Ein Fünftel davon kommt zur so genannten Schwangerenkonfliktberatung. Diese Frauen überlegen, ob sie das Kind wirklich bekommen wollen oder nicht doch abtreiben lassen sollten.

Finanzielle Probleme häufige Ursache

Die ungewollte Schwangerschaft, wissen die Sozialpädagoginnen, ist dabei in aller Regel nur die Spitze des Eisberges. Dahinter stecken nicht selten Konflikte in der Partnerschaft oder finanzielle Probleme. Besonders die Sorge um den Arbeitsplatz oder eine unterbrochene Ausbildung spielt eine immer größere Rolle.

Dies war nicht immer so. Als die Beratungsstelle mit einer Mitarbeiterin vor 30 Jahren ihre Arbeit am Staatlichen Gesundheitsamt aufnahm, war es in den meisten Fällen die Tatsache, ein uneheliches Kind zu erwarten, die die Frauen zur Abtreibung führte. Heute geht es im Landkreis Roth in der Regel um die Frage, ob sich die Familie ein weiteres Kind leisten kann. Hier wird übrigens auch das Stadt/Land-Gefälle ziemlich deutlich: Während die Frauen im Landkreis Roth beim dritten Kind überlegen, ob sie dieses wirklich bekommen sollten, stellen sich die Frauen in Schwabach diese Frage bereits beim zweiten Kind.

Ultraschalluntersuchung am Bauch einer Schwangeren - Quelle: Roth-Hilpoltsteiner VolkszeitungMit dem bayerischen Schwangerenberatungsgesetz änderte sich schon 1977 der Schwerpunkt der Beratungen. Seit dieser Zeit suchen nicht nur Schwangere, die abtreiben wollen, das Gespräch mit den inzwischen vier Mitarbeiterinnen in Roth und Schwabach, sondern immer mehr auch werdende Mütter, die sich über mögliche finanzielle Unterstützung informieren oder die Adresse weiterer Anlaufstellen erfragen wollen. Und inzwischen sind auch schon Frauen vorbeigekommen, die einen Kinderwunsch haben und nicht wissen, wann der richtige Zeitpunkt ist.

Etwa eine Stunde dauert ein Gespräch in der Beratungsstelle. Dabei sind diese Gespräche stets „ergebnisoffen“, betont Christiane Göckler. Vielmehr gehe es darum, gemeinsam mit den Frauen Perspektiven zu entwickeln. Was passiert, wenn sie sich gegen das Kind entscheidet? Und was, wenn sie es doch zur Welt bringt? Die vier Beraterinnen, die sich gemeinsam zwei Stellen teilen, wollen die Schwangeren zu nichts zwingen. „Jede Frau erhält ihren Beratungsschein, egal wie sie sich entscheidet“, versichert Christiane Göckler.

Viele Frauen wollen sich erstmal alles von der Seele reden. Denn „die Frauen sind angesichts der vor ihnen stehenden Entscheidung wirklich zerrissen“, wissen Barbara Blinzler und ihre Kolleginnen. Das gilt für die werdende Mutter, die von ihrem Partner hinausgeworfen wurde, genauso wie für die junge Frau, die plötzlich von ihrer eigenen Mutter zu ersten Mal erfährt, dass diese vor vielen Jahren bereits vor der gleichen Frage stand.

Unterstützung durch Landesstiftung

Wie sich eine Frau nach dem Gespräch am Ende entscheidet, erfahren die Beraterinnen nur in den seltensten Fällen, nämlich dann, wenn die junge Familie noch einmal vorbeikommt und Unterstützung durch die Landesstiftung „Hilfe für Mutter und Kind“ beantragt. Diese bezuschusst übrigens nicht nur Kinderwagen oder Erstlingsausstattung, sondern hilft auch, wenn bei einem notwendigen Umzug eine Kaution fällig wird oder eine Haushaltshilfe beantragt werden muss. Das bringt für die Mitarbeiterinnen des Amtes zwar viel Verwaltungsaufwand mit sich, „hat aber echte Vorteile“, sind sich diese sicher.

Logo 30 Jahre Schwangerenberatung an den GesundheitsämternUnd manchmal führt ihre Arbeit auch dazu, dass nicht nur der einen oder anderen Familie geholfen werden kann, sondern auch politische Entscheidungen zugunsten der Mütter und Väter getroffen werden. Seit Jahren zum Beispiel haben die Sozialpädagoginnen in ihren Berichten an das Ministerium darauf hingewiesen, dass das finanzielle Problem wie zum Beispiel der Wegfall des zweiten Gehaltes für viele Paare bei der Frage pro oder contra Nachwuchs eine ganz entscheidende Rolle spielt. „Seit mehr als zehn Jahren fordern die Schwangerenberatungsstellen daher immer wieder ein Elterngeld ein“, erklärt Barbara Blinzler. Ab Januar soll es nun endlich das Bundeserziehungsgeld ablösen.

Infos und Terminvereinbarung unter Telefon 09171/81-601 und Telefon 09122/92930

Infos im Internet: www.schwanger-in-roth.de

Quelle: Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung

 



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