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Interview mit Medienexpertin Birgit Spies zum Vortrag am Do. 01.06.2017 um 19:30 Uhr in der Kulturfabrik Roth


„Der Nürnberger Trichter hat noch nie funktioniert“ Medienexpertin Birgit Spies wirft in Vortrag Schlaglichter auf „Bildung im Fokus der Digitalisierung“

In der Vortragsreihe der Bildungsregion Roth-Schwabach wird am Donnerstag, 1. Juni, die Medienpsychologin und -pädagogin Professorin Birgit Spies ein Schlaglicht auf die Bedeutung von Lernen und Wissen in einer mediatisierten Welt werfen. Sie zeigt zudem Möglichkeiten auf, wie in Schule, Erziehung und Arbeitswelt mit den Folgen der Digitalisierung umzugehen ist.

Birgit Spies groß

Foto: Annette Schrader

Frau Professor Spies, Google weiß alles, warum sollten wir heutzutage überhaupt noch lernen? Oder anders gefragt: Macht uns Google dumm?
Spies: Da müssten wir zuerst fragen, was dumm sein bedeutet. Wenn es heißt, dass ich mir bestimmte Sachen nicht mehr merke, weil ich sie nachschauen kann, dann ist da sicher etwas dran. Aber die Menschen haben seit jeher versucht, Faktenwissen auszulagern. Das reicht von der Höhlenmalerei über handgeschriebene Telefonbücher bis hin zum Taschenrechner. Das Auslagern schafft ja auch Platz für anderes, für das Nachdenken zum Beispiel.

Google kann unser Gehirn also auch anregen?
Spies: Wenn ich bei Google das Wort Bildung eintippe, erhalte ich 93 Millionen Suchergebnisse. Ich lese oder sehe die Meinung von Menschen in verschiedenen Sprachen, aus verschiedenen Erdteilen und verschiedenen Kulturen. Das muss ich erst einmal verstehen und mein bisheriges Wissen unter Umständen infrage stellen. Das kann anstrengend sein.

Aber wenn ich theoretisch doch alles in Sekundenschnelle nachschauen kann, ergibt Lernen überhaupt noch Sinn?
Spies: Wir müssen uns einfach von dem Gedanken verabschieden, dass es uns gelingen kann, jungen Menschen in der Schule genau das Wissen mitzugeben, das sie im späteren Arbeitsleben brauchen werden, denn die Anforderungen an den einzelnen Arbeitsplatz ändern sich und jeder muss weiterlernen. Für das Lernen schon in jungen Jahren, das den Wissensdurst bis ins hohe Lebensalter erhält, brauchen wir die Neugierde der Kinder, Neues herausfinden und Bestehendes hinterfragen zu wollen.

Wie sollten wir Lernen Ihrer Meinung nach gestalten?
Spies: Wir haben so viel Wissen, aber in der Schule schaffen wir es, dass wir alles in kleinste Einzelheiten zerlegen, uns beispielsweise mit der Struktur der DNA und dem Aufbau von Atomen beschäftigen. Aber wir vergessen dann, diese vielen Einzelheiten wieder zusammen zu setzen und Sinnbezüge zu dem Gelernten herzustellen. Und Bildung heißt eben auch, sich selbst, die anderen und die Welt zu hinterfragen. Die Schüler brauchen die Gelegenheit, sich zu reflektieren, anderen Menschen zu begegnen und Konflikte auf Augenhöhe auszutragen — also im weitesten Sinne Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Das bedeutet eben, dass wir neben den kognitiven Lerninhalten nicht die Entwicklung des Menschen vergessen dürfen.

Also sollten wir stärker an dieser Entwicklung arbeiten?
Spies: Ja, denn dadurch könnten viele der späteren Probleme deutlich geringer ausfallen. Neben sozialen Problemen sei die Gesundheit genannt: In der Arbeitswelt hat die Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Probleme innerhalb der letzten zehn Jahre um die Hälfte zugenommen und ich bin sicher, sie steigt weiter an. Die Menschen, die erkranken, und auch die, die dazu beigetragen haben – sie sind alle durch unser Schulsystem gegangen. Wir müssen wie gesagt also nicht nur überlegen, was gelernt wird, sondern auch wie. Frontal, wie zur Zeit der Klosterschulen, das geht nicht mehr.

Sondern? Wie sollten Lehrende in Bildungseinrichtungen arbeiten? Eher als Coaches, die Kinder individuell fördern können?
Spies: Die Idee vom Nürnberger Trichter, den man dem Schüler auf den Kopf setzt und Wissen einfach einfüllt, die Idee hat aus meiner Sicht noch nie funktioniert. Wenn ich Lernen im Gleichschritt verordne, werden immer nur jene mitkommen, für die das gewählte Tempo und Thema zufällig passt. Für die anderen wird Lernen frustrierend. Übrigens eine ganz deutsche Erfahrung: Lernen ist anstrengend. Lernen ist Stress.

Lernen kann aber auch Freude machen, wenn sich der Lehrende als Begleiter, als Coach begreift?
Spies: Ja, dann ist das eine wunderbare Erfahrung für beide Seiten: Der Lehrende kann sich ruhigen Gewissens von dem Anspruch des Alles-Wissen-Müssens verabschieden. Das befreit ungemein. Der Schüler kann auf seine ganz persönliche Art und Weise und in seinem Tempo lernen: mal allein, mal gemeinsam, mal im Netz recherchieren, sich ein Video anschauen oder ein Buch lesen. Nur was ich selbst entdeckt und herausgefunden habe, ist auch mein persönliches Wissen. Das, was wir jetzt machen, ist Spalierobst nach EU-Norm zu produzieren, ich meine nach PISA-Norm...

Sollten wir Schulen mit Tablets und Laptops ausstatten oder lieber das Handy verbieten?
Spies: Ein Tablet oder Laptop sollte zu einem ganz natürlichen Lernmedium gehören wie ein Buch. Es ist doch am Ende egal, ob ich meine Matheaufgaben in ein Heft schreibe oder mit einem Mathelernprogramm am Rechner löse. Vielleicht hat der Schüler sogar mehr Freude dabei, ist länger und intensiver bei der Sache. Ein anderer schreibt die Aufgaben vielleicht lieber ins Heft.

Aber hinkt die Ausbildung der Lehrer nicht hinterher?
Spies: Es gibt ein spannendes Projekt in Indien: Hole in the Wall. Da hat man Kindern aus den Slums, die bisher keine oder kaum Bildung erfahren durften, ermöglicht, an Computern zu arbeiten – völlig selbstständig, ohne Intervention durch Lehrende. Nach etwa einem Dreivierteljahr hatten sie am Rechner Kenntnisse wie eine gute Bürokraft. Aber ich gebe Ihnen Recht, wir dürfen die Lehrer hier nicht allein lassen. Sie müssen Unterstützung in der Ausbildung erfahren, selbst erleben, was möglich und hilfreich ist, was funktioniert und nicht.

 

Der Vortrag „Bildung im Fokus der Digitalisierung. Lernen — anders — denken?!“ beginnt am Donnerstag, 1. Juni, um 19.30 Uhr in der Kulturfabrik Roth. Der Eintritt ist frei.

Weitere Informationen bei Michael Buchholz, Koordinator Bildungsregion Landkreis Roth, Telefon 09171 81-1307.

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